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Neues und Interessantes aus dem Hamburger Chorleben

Besuch in Berlin beim Begegnungschor und die Folgen

Im vergangenen Jahr hatte uns der interkulturelle Begegnungschor Berlin zu einem ersten gemeinsamen Chorprojekt zwischen dem Chorverband Berlin und dem Chorverband Hamburg besucht. Dieser Chor hatte sich 2015 in Berlin gegründet, um gemeinsam mit Menschen aller Nationalitäten zu singen und so ein Stück Integration erlebbar zu machen. Beim Besuch in Hamburg gab es einen Workshop in der KulturWerkstatt in Altona und als Abschluss einen gemeinsamen Konzertauftritt in der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofes. Nun erfolgte der geplante Gegenbesuch in Berlin. Wir trafen uns frühmorgens für alle zentral am Dammtorbahnhof, um gemeinsam mit dem Bus nach Berlin zu fahren. Neben den Interessenten aus Hamburg und Umgebung war auch wieder das Mandolinenorchester SOL unter der Leitung von Ali Shibly mit an Bord und versorgte uns während der ganzen Fahrt mit Musik und Gesang. Gegen Mittag trafen wir in dem Übergangswohnheim in der Marienfelder Allee ein. Diese Unterkunft für Asylbewerber und geflüchtete Menschen bietet in Stoßzeiten bis zu 2.000 Personen aus über zehn Nationen Wohnraum und soziale Unterstützung.

Sehr freundlich wurden wir von Petra Merkel, der Präsidentin des Chorverbandes Berlin, den Chorsängern und –sängerinnen des Begegnungschors sowie den Leitern Bastian Holze (Chor) und Michael Betzner-Brandt (Band) begrüßt. Wir starteten gleich mit dem Workshop, in dem es darum ging, deutsche und fremdsprachige Musikstücke für ein kleines Konzert am Nachmittag einzuüben. Bei Lockerungsübungen für Körper und Stimme „begegneten“ sich beispielsweise zuerst einmal die Ellenbogen oder Knie der Teilnehmer, dann stellte man sich namentlich vor oder gab ein tönendes „Aah“ von sich. Das entstehende Gewusel und die ungewohnten Berührungen waren für alle sehr erheiternd. Lachen ist immer gut und nicht nur zum Singen hilfreich.

Im Anschluss verließen die Instrumentalisten den Raum, um unter sich in Ruhe üben zu können. Für den Chor wurden die Texte mittels Beamer an die Wand geworfen. Wir begannen auf einem einfachen Rhythmus mit dem selbstgetexteten Begrüßungslied „Hallo Nachbar“. Das Lied wurde eingangs mit einfachen, deutschen Sprechsilben gesungen, und dann ging es zügig in eine Mehrsprachigkeit über. Intensiv und in neuem bunten Gewande probten wir das deutsche Volkslied „Die Gedanken sind frei“. Während die erste Strophe ganz normal auf deutsch gesungen wurde, war die zweite Strophe ins Arabische übersetzt worden. Dabei wurde versucht, die arabischen Worte mit unseren lateinischen Schriftzeichen darzustellen – wahrlich kein leichtes Unterfangen. Für die Hamburger unter uns, die an diesem Tage das allererste Mal Kontakt mit der arabischen Sprache hatten, war es sehr schwierig, sich die arabische Aussprache zu merken oder überhaupt diese Laute zu artikulieren. Bastian empfahl, wie im Chor üblich, sich an den Sängern zu orientieren, die die arabische Strophe schon kannten. Im Zweifelsfalle gäbe es kein Falsch: Alles sei beabsichtigt und solle genau so klingen, wie es später beim Zuhörer ankomme. Weiterhin war das Lied dahingehend aufgepeppt worden, dass die einzelnen Strophen im Stil eines Rapliedes von verschiedenen Personen solistisch vorgetragen wurden. Es gab Liedteile in einer Samba-Version und im Stil eines als altehrwürdigen, deutschen Gesangsvereins. Auf diese Weise hatte der Begegnungschor ganz viel Unterschiedliches aus nur einen einzigen Lied gemacht – eine sehr interessante Herangehensweise.

Außerdem probten wir das Lied von Adel Tawil „Tänzer und Soldaten“, das in berührender Weise die Situation vieler Menschen und besonders die Wünsche und Ziele eines Begegnungschors wiedergibt. Nach der Mittagspause gab es noch eine gemeinsame Übungseinheit mit allen Teilnehmern (den Instrumentalisten und den Choristen).

Wir begannen unser Konzert draußen inmitten der Wohnblocks der Anlage mit einer gesungenen Einladung. Viele Kinder folgten uns in die Räumlichkeiten, um unserem Vortrag zu sehen. Das Konzert entpuppte sich als vielseitig: Es wurde mit und ohne Band gesungen, der Begegnungschor sang ein paar Lieder alleine (unter anderem das Lied „Mensch“ von Herbert Grönemeyer) und die zuvor eingeübten Stücke mit uns Hamburgern. Die Band führte Instrumentalstücke auf, das Mandolinenorchester hatte seinen eigenen Part, bei dem nur dessen Mitglieder spielten und sangen. So war am Ende ein buntes Programm entstanden, das mit ausgelassenem Tanzen der Mitwirkenden und Zuhörer endete.

Die vierstündige Heimfahrt wurde nicht nur zum Erholen genutzt, sondern es ergaben sich noch viele Gespräche zwischen allen Mitreisenden. Verbandschorleiterin Doris Vetter beschloss, Nägel mit Köpfen zu machen: Im Chorverband Hamburg fehlt noch ein Chor mit dem Konzept eines interkulturellen Begegnungschors. Mit den deutschen und arabischen Sängern und Musikern des Mandolinenorchesters SOL, die aus Hamburg Sankt Georg kommend ideale Standortbedingungen mitbringen, sind Strukturen vorhanden, auf denen so ein Projekt aufgebaut werden kann. Berlin hat bereits seine Zustimmung signalisiert, dass dessen Konzept übernommen werden darf. Wir sind auf die weitere Entwicklung gespannt.

Regina Steinkrauss

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